Sie sind hier

Internationaler Tag gegen Genitalverstümmelung

Montag, 6. Februar 2017 - 13:32

Internationaler Tag gegen Genitalverstümmelung

Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM)

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 200 Millionen Mädchen und Frauen Opfer weiblicher Genitalverstümmelung sind; jedes Jahr kommen etwa drei Millionen junge Mädchen dazu. Das Europäische Parlament schätzt, dass selbst in Europa 500.000 Frauen und Mädchen ihr Leben lang an den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung leiden. Laut einer am 6. Februar 2017 veröffentlichen Studie[1] , die durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mitfinanziert wurde, leben in Deutschland ca. 48.000 betroffene Frauen und ca. 5.000 Mädchen sind akut gefährdet. Die Zahlen zeigen: auch hier müssen langfristig finanzierte Angebote geschaffen werden, um betroffenen Frauen eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung zu ermöglichen. Präventions- und Informationsangebote, sowie eine kultursensible Schulung von medizinischem und pflegerischem Personal, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Jugendämtern, Kindergärten, Schulen und bei der Polizei, sind dringend erforderlich.

"Es ist schon sehr traurig, dass es noch immer den internationalen Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung geben muss. Der Tag führt uns schmerzlich vor Augen, dass nach wie vor täglich tausende Mädchen und Frauen gequält, verletzt und verstümmelt werden und an den Folgen dieser Tortur ihr Leben lang leiden oder sogar sterben." | Rainer Wermelt

Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Menschenrechtsverletzung

Mit der weiblichen Genitalverstümmelung werden nicht nur Körper und Seele der Frauen schwerst verletzt, sondern auch das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit. Die meisten Mädchen werden vor ihrem 5. Geburtstag verstümmelt. Tradition wird dabei als Rechtfertigung für massive Gewalteingriffe hergenommen – das ist nicht tolerierbar. Sehr oft werden Mädchen während der Sommerferien in ihre Heimat geschickt und gezwungen, sich einer Genitalverstümmelung zu unterziehen, um ihre Heiratsfähigkeit und ihren sozialen Status zu sichern. Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschrechtsverletzung an Frauen und Mädchen. Die erlittenen Verletzungen sind nicht revidierbar. Die Praktik ist vor allem in Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens verbreitet, wo sie oft als wichtiger Übergang vom Mädchen zur Frau gilt. Die Mädchen sind bei dem Eingriff meistens nicht einmal 15 Jahre alt. Bei der Genitalverstümmelung wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt - meist ohne Narkose und mit einfachen Hilfsmitteln wie Glasscherben oder Rasierklingen. Die betroffenen Frauen und Mädchen leiden häufig lebenslang unter den Folgen - etwa durch Infektionen, Blutungen und Komplikationen bei der Geburt. Viele sterben daran. Der Tag wurde in 2004 von Stella Obasanjo (Ehefrau des nigerianischen Präsidenten) ausgerufen, dann von der UN-Menschenrechtskommission zum internationalen Gedenktag erklärt. Die frauenfeindliche Praxis der Genitalverstümmelung geht weltweit zurück, aber sie ist noch lange nicht überwunden

"Weibliche Genitalverstümmelung ist Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Sie gilt als schwere Menschenrechtsverletzung. Betroffene leiden ein Leben lang an körperlichen und emotionalen Folgen. Es gibt dafür keine Legitimation!" | LAbg. Nicole Berger-Krotsch, SPÖ Wien Frauensekretärin

Gewalt gegen Frauen ist ein weit verbreitetes strukturelles Phänomen.

Weibliche Genitalverstümmelung ist eines der schwerwiegendsten Beispiele dafür. Auch viele nicht von FGM betroffenen Frauen in der EU machen vielfach Gewalterfahrungen im Laufe ihres Lebens: jede Fünfte wird Opfer familiärer Gewalt; jede Zehnte vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Amnesty International und die “European Women’s Lobby” sind überzeugt, dass ein erster Schritt zum Schutz von Frauen und Mädchen vor Genitalverstümmelung und jeder anderen Form von Gewalt die Unterzeichnung und Ratifizierung der Europäischen Konvention zur Vorbeugung und Bekämpfung von Gewalt an Frauen sowie familiärer Gewalt wäre („Council of Europe Convention on preventing and combating violence against women and domestic violence). Diesen Schritt, so die beiden Organisationen, sollten jeder Mitgliedsstaat und die EU schon jetzt gehen. “Der Beendigung jeder Form von Gewalt gegen Frauen einschließlich Genitalverstümmelung sollte hohe Priorität zukommen, auch in Krisenzeiten. Wir wissen, dass die EU über die Mittel verfügt, einen Aktionsplan dazu auszuarbeiten, mit dem Ziel, allen Frauen das Recht auf ein Leben frei von Gewalt zu garantieren. Worauf also warten wir noch?”, fragt Cecile Greboval, Generalsekretärin.der European Women’s Lobby.

"Alle Frauen und Mädchen müssen frei von Angst oder Schmerzen leben können. Daher müssen wir alle gegen diese schwerwiegenden Menschenrechtsverletzung kämpfen. Im Mittelpunkt muss das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren Körper, der Schutz von Opfern und die Bewusstseinsbildung stehen." | Rainer Wermelt

Genitalverstümmelung europa- und weltweit ächten

Die weibliche Genitalverstümmelung wird durch eine Reihe internationaler Menschenrechtskonventionen und Resolutionen der Vereinten Nationen geächtet. Sie ist in vielen Ländern der Welt, in Europa und Deutschland verboten. Das deutsche Strafrecht sieht einen umfassenden Schutz vor weiblicher Genitalverstümmelung vor: Gemäß § 226a des Strafgesetzbuches (StGB) wird die Verstümmelung der äußeren Genitalien einer weiblichen Person mit Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr bestraft. Dies gilt auch für Auslandstaten, unabhängig vom Recht des Tatorts, wenn der Täter Deutscher ist oder wenn die Tat sich gegen eine Person richtet, die zur Zeit der Tat ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt im Inland hat. Zwar verfügen auch einige andere Mitgliedsstaaten der EU über gesetzliche Maßnahmen für solche Fälle, aber insgesamt handhaben die Staaten dies Problem höchst unterschiedlich. "Erfreulich ist, dass die Verbreitung der grausamen Praktik in den letzten Jahren etwas zurückgegangen ist", sagt Renate Bähr, Geschäftsführerin der Stiftung Weltbevölkerung. "Doch noch immer werden weltweit jedes Jahr Millionen Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt, in einigen Ländern wie Mali und der Elfenbeinküste sind die Zahlen sogar gestiegen. Es wird höchste Zeit, diese gravierende Menschenrechtsverletzung endlich zu beenden und Mädchen und Frauen vor unfassbarem Leid zu bewahren. Gesetze allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, Mädchen und Frauen gleiche Rechte einzuräumen. Wenn die Menschen in den Gemeinden nicht einsehen, dass die Genitalverstümmelung schwerwiegende Folgen für die Mädchen hat, wird diese grausame Tradition fortgesetzt."

Aktionsprogramm gegen Gewalt an Frauen einschließlich weiblicher Genitalverstümmelung fehlt

„In Frankreich, Schweden, dem Vereinigten Königreich und anderen Ländern der EU, die weibliche Genital-verstümmelung seit über zehn Jahren kriminalisieren, hat man trotzdem weiterhin mit dem Problem FGM zu kämpfen. Dies zeigt, dass Gesetzgebung nicht der Königsweg ist, dieser Art von Menschenrechtsverletzung einen Riegel vorzuschieben. Das Problem muss in der EU ganzheitlich angegangen werden, um die Mitgliedsstaaten zu verpflichten, den Schutz der Mädchen zu sichern und dafür zu sorgen, dass ihre Familien nicht stigmatisiert werden“, sagt Dr. Christine Loudes, Direktorin der europäischen Kampagne „END FGM“ von Amnesty International. Im September 2010 hat die Europäische Kommission ein Aktionsprogramm zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit vorgestellt. Unter Anderem versprach dieses Programm, eine EU-weite Strategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen einschließlich weiblicher Genitalverstümmelung zu verabschieden. Seit sich die Europäische Kommission verpflichtet hat, ein Aktionsprogramm gegen Gewalt an Frauen einschließlich weiblicher Genitalverstümmelung zu verabschieden, gab es keinen einheitlichen strukturierten Versuch, dieser Art von Menschenrechtsverletzung entgegenzutreten. Internationale Bemühungen für ein Ende dieser schädlichen Praxis dürfen nicht nachlassen.

"Nur wenn das Thema enttabuisiert und immer und immer wieder auf die Agenda gebracht und entsprechend angeprangert wird, können die Versuche diese verabscheuenswürdige Praktik eines Tages gänzlich abzuschaffen erfolgreich sein." | Rainer Wermelt

Frauen und Mädchen schützen und althergebrachte Strukturen aufbrechen

Das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit darf niemals kulturellen und religiösen Überzeugungen geopfert werden. Leider geschieht dies aber besonders oft, wenn es um Frauenkörper geht. "Auch in Deutschland sind Mädchen dem Risiko ausgesetzt, heimlich hierzulande oder im Ausland an ihren Genitalien verstümmelt zu werden. Oft sind es noch kleine Mädchen, denen ohne jegliche Betäubung unter größten Schmerzen mit Messern oder Glasscherben weitflächig der Genitalbereich abgeschnitten wird. Übrig bleibt eine zugenähte Wunde mit einer kleinen Öffnung für Körperflüssigkeiten: Viele Mädchen und Frauen verbluten noch während der barbarischen Prozedur oder sterben später an den Folgen eines Wundstarrkrampfs oder während der Geburt. Die weibliche Genitalverstümmelung stellt eine schwere Menschenrechtsverletzung dar. Ihre Opfer sind ein Leben lang von Schmerz und Leid gezeichnet. Genitalverstümmelung verstößt nicht nur gegen das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit; sie ist eine frauenverachtende Praxis, die der Kontrolle und Erniedrigung von Frauen und Mädchen dient. Um nachfolgenden Generationen vor diesem Leid zu bewahren, müssen wir uns in den betroffenen Ländern, aber auch in Deutschland dafür stark machen, diese frauenverachtende und illegale Praxis zu beenden. Dies kann nur gelingen, indem wir gefährdete Frauen und Mädchen schützen und gleichzeitig Eltern, Ärzte und Hüter der Tradition wie z.B. Würdenträger und Autoritäten ermutigen und darin bestärken, althergebrachte Strukturen aufzubrechen und sich gegen die Praxis der Genitalverstümmelung zu wenden.", so die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler

Quellen:

[1] Die „Empirische Studie zu weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland“ ist abrufbar unter:
https://www.netzwerk-integra.de/startseite/studie-fgm/

Weitere Informationen:

www.endfgm.eu

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
www.dsw.org

Die Konvention zur Vorbeugung und Bekämpfung von Gewalt an Frauen sowie familiärer Gewalt des Europarates wurde von 18 Mitgliedsstaaten bereits unterzeichnet, jedoch von keinem ratifiziert. Der Text sowie mehr Informationen hierzu sind auf der Seite des Europarates abrufbar - http://conventions.coe.int/Treaty/Commun/ChercheSig.asp?NT=210&CM=1&DF=&...

Die europäischen Kampagne END FGM von Amnesty International veröffentlichte in 2010 eine Strategie, um weibliche Genitalverstümmelung zu beenden und entwickelte spezielle Forderungen an die EU und ihre Mitgliedsstaaten. Die Zusammenfassung dieser Strategie in englischer und französischer Sprache ist hier abrufbar:
http://www.endfgm.eu/en/news-and-events/news/press-releases/amnesty-inte...

Die “European Women’s Lobby” wiederholte in ihrer Pressemitteilung vom 25 November 2011 (siehe: http://www.womenlobby.org/spip.php?article2659&lang=en) ihre Forderungen an die EU, Gewalt gegen Mädchen und Frauen effektiv zu beenden.
http://www.womenlobby.org/spip.php?article64&lang=en.

Weibliche Genitalverstümmelung: fünf Fragen - fünf Antworten
http://ots.de/bto76

Grafik "Verbreitung von Genitalverstümmelung in ausgewählten Ländern"
http://ots.de/G3Dk5


Referenzen

Aktuell:

Auch von Rainer Wermelt

Homepage: www.rainerwermelt.de
Kontakt: www.gaupel34.de
Flüchtlings-Info-Coesfeld: www.fi-coesfeld.de
Weihnachtsmarkt Coesfeld: www.weihnachtsmarkt-coesfeld.de
Freifunk Coesfeld: www.freifunk-coesfeld.de
Blickpunkt Coesfeld - Magazin für den Kreis Coesfeld: www.blickpunkt-coesfeld.de
Borderline Selbsthilfegruppe Münsterland: www.borderline-coesfeld.de
EX-IN - Einbeziehung Erfahrener in die Psychiatrie: www.ex-in.net
Contributions To The European Heritage: www.european-heritage.org
Mopszüchterverein:  www.vrz-dhs-mops.de

Short URL: http://linkcode.de/2ao

 


Zu guter Letzt

QR-Code

Der QR-Code für diese Seite. Der QR-Code für diese Seite.