Sie sind hier

Gedicht

Gedicht des Tages

Samstag, 18. November 2017 - 18:47

Gedicht des Tages

Rainer Maria Rilke: Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin - bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Gedicht des Tages | 17. November

Freitag, 17. November 2017 - 14:15

Gedicht des Tages

Friedrich Halm: Was ist das für ein Wetter heut!

Was ist das für ein Wetter heut!
Es regnet ja wie toll!
Die Straße ist ein großer See,
Die Gosse übervoll.

Der Sperling duckt sich unters Dach,
So gut er eben kann,
Und Nero liegt im Hundehaus
Und knurrt das Wetter an.

Wir aber haben frohen Mut
Und sehn dem Regen zu,
Erzählen uns gar mancherlei
Daheim in guter Ruh.

Lass regnen, was es regnen will!
Dem Regen seinen Lauf!
Denn wenn’s genug geregnet hat,
So hörts auch wieder auf.

(Friedrich Halm, 1806-1871)

Gedicht des Tages | 11. November

Samstag, 11. November 2017 - 18:15

Gedicht des Tages

Was ist die Welt?

 

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht,

Und jedes Menschen wechselndes Gemüth,
Ein Strahl ist’s, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend and’re flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nie vernomm’ner Töne,
Begabt mit eig’ner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein.

Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

 

Hugo von Hofmannsthal „Was ist die Welt?“ (1890) I

https://www.youtube.com/watch?v=_cmpoBR-ECw

Gedicht des Tages | 09. November

Donnerstag, 9. November 2017 - 16:52

Gedicht des Tages

Johann Gottfried Herder: Edward - Schottisch (1774)

Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot?
      Edward, Edward!
Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot,
      und gehst so traurig her? — O!
O ich hab geschlagen meinen Geier tot,
      Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen meinen Geier tot,
      und keinen hab ich wie er — O!

Dein's Geiers Blut ist nicht so rot,
      Edward, Edward!
Dein's Geiers Blut ist nicht so rot,
      mein Sohn, bekenn mir frei — O!
O ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
      Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen mein Rotroß tot,
      und's war so stolz und treu — O!

Dein Roß war alt und hast's nicht not,
      Edward, Edward!
Dein Roß war alt und hast's nicht not,
      dich drückt ein ander Schmerz — O!

Gedicht des Tages

Mittwoch, 8. November 2017 - 22:45

Gedicht des Tages

Joseph von Eichendorff: Lust'ge Vögel in dem Wald,

Lust'ge Vögel in dem Wald,
singt, solang es grün,
ach wer weiß, wie bald, wie bald
alles muß verblühn!

Sah ich's doch vom Berge einst
glänzen überall,
wußte kaum, warum du weinst,
fromme Nachtigall.

Und kaum ging ich über Land
frisch durch Lust und Not.
wandelt' alles, und ich stand
müd im Abendrot.
 

Gedicht des Tages | 07. November

Dienstag, 7. November 2017 - 20:16

Gedicht des Tages

Christian Morgenstern: An den Andern

Ich hatte mich im Hochgebirg verstiegen.
Die Felsenwelt um mich, sie war wohl schön;
doch konnt ich keinen Ausgang mir ersiegen,
noch einen Aufgang nach den lichten Höhn.

Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern!
Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.
Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,
und siehe da: Das Schicksal war uns gut.

Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam
empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.
Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam ...
Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.

Mag sein, wir stehn an unsres Lebens Ende
noch unterm Ziel, – genug, der Weg ist klar!
Dass wir uns trafen, war die große Wende.
Aus zwei Verirrten ward ein wissend Paar.

Christian Morgenstern (1871 - 1914)

 

Gedicht des Tages | 03. November

Freitag, 3. November 2017 - 15:47

Gedicht des Tages

Annette von Droste-Hülshoff: Letzte Worte

Geliebte, wenn mein Geist geschieden,
So weint mir keine Träne nach;
Denn, wo ich weile, dort ist Frieden,
Dort leuchtet mir ein ew’ger Tag!
Wo aller Erdengram verschwunden,
Soll euer Bild mir nicht vergehn,
Und Linderung für eure Wunden,
Für euren Schmerz will ich erflehn.
Weht nächtlich seine Seraphsflügel
Der Friede übers Weltenreich,
So denkt nicht mehr an meinen Hügel,
Denn von den Sternen grüß ich euch!

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Gedicht des Tages

Donnerstag, 2. November 2017 - 12:40

Gedicht des Tages

  • Ist nicht heilig mein Herz,
    schöneren Lebens voll,
    Seit ich liebe?
    Warum achtet ihr mich mehr,
    Da stolzer und wilder,
    Wortreicher und leerer war?

    Ach! der Menge gefällt,
    was auf dem Marktplatz taugt,
    Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
    An das Göttliche glauben
    Die allein, die es selber sind.

    Friederich Hölderlin

Gedicht des Tages

Samstag, 14. Oktober 2017 - 12:35

Gedicht des Tages

Annette von Droste Hülshoff: Herbst

Wenn ich an einem schönen Tag
Der Mittagsstunde habe acht,
Und lehne unter meinem Baum
So mitten in der Trauben Pracht:

Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethistnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk' ich wenig drüber nach,
Wie's nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschlossnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee,
Du tust mir in den Augen weh!
Willst uns den Winter schon bereiten:
Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,
Und bald, bald wälzt er sich herab
Von dir, o Säntis! ödes Grab!

Gedicht des Tages

Freitag, 1. September 2017 - 15:41

Rainer Maria Rilke: Herbsttag

 

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 


Zu guter Letzt

QR-Code

Der QR-Code für diese Seite. Der QR-Code für diese Seite.
Subscribe to RSS - Gedicht