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Flüchtlingssituation in Dülmen

Sonntag, 4. September 2016 - 14:25

Rainer Wermelt | rainerwermelt.de | Flüchtlingssituation in Dülmen

Denunzieren Diskriminieren Deportieren / Wir schaffen die!

Ein Gastbeitrag von Michael Lustenberger

Dienstag:

Das Amt für Integration schreibt (am 30.08.) an 5 Bewohner der Lehmkuhle eine “Einweisungsverfügung”, in der diese angewiesen werden, die Wohnungen bis zum 01.09. zu räumen und umzuziehen in ein Gebäude rund 2km außerhalb des Stadtgebietes. Zur Begründung: “... Diese Art der Belegung (mit Menschen in der Lehmkuhle) hat in den letzten Wochen und Monaten zu einem großen Konfliktpotenzial in der dortigen Nachbarschaft geführt ...”. Rechtschreibung mangelhaft.

Mittwoch:

Während Mehdi, Hamsa, Nabil, Ahmed und die anderen Ängste haben, ja richtig verzweifelt sind, weil ihnen die Ablehnung brutaler nicht ins Gesicht schlagen könnte, telefoniere ich mit der Dienstherrin des Integrationsamtes, um sicherzustellen, daß man weiß, daß weder Nachbarn noch sonstwer ein Problem mit den betroffenen (bei vieren bin ich mir sicher) Personen haben. Und daß, und das haben mir Nachbarn erzählt, das Verhalten der städtischen Mitarbeiter auf dem Gelände der Lehmkuhle Widerstand geradezu provoziert hätte. Ich gab zu bedenken, daß hier möglicherweise soziale Strukturen zerstört würden, die sich trotz der psychischen Überlastung der jungen Männer bilden konnten; etwa die Zusammenarbeit der verschiedensten Gruppen im Gartenprojekt. Außerdem wäre man im Begriff, Leute auf engstem Raum unterzubringen, die sich zum Teil nicht riechen können. Schließlich bat ich darum, daß man die Umsiedlung wenigstens verschiebe, bis klar sei, wer die Störenfriede sind. Frau K. wollte sich drum kümmern, ohne mir etwas versprechen zu wollen ...

Donnerstag:

Morgens erscheint das Amt ohne Übersetzer mit Polizeischutz und Knüppel in der Lehmkuhle. Mit dabei ein Hausmeisterteam, Bus, Anhänger und Mülltüten. Polizei, weil man auf Unwillen und Widerstand stößt. Herr A. ist offensichtlich mit der Situation überfordert und natürlich in Erklärungsnot. Das gesamte Procedere des Integrationsamtes macht es Barbara und mir schwer, die Leute umzustimmen. Zuerst wirft man ihnen Aggressivität vor, dann direkt mit Druck der Rausschmiß aus inzwischen vertrauter Unsicherheit, mit deren Umständen man sich immerhin arrangiert hat. Auch mit den Vorteilen, daß man relativ rasch einkaufen, ohne Verkehrsmittel und finanziellem Aufwand alles nötige erreichen kann.

Mein Telefonat mit Frau K. ergibt, daß man das “intern” noch einmal besprochen habe .... Das verstehe ich nicht! Unter diesen Umständen ist es auch nicht möglich, umzuziehen, da die Müllbeutel u.a. ungeeignet für Umzüge sind.

Die Polizisten sind sehr freundlich und verständnisvoll, auch der mit dem Knüppel. Als sie merken, daß sie überflüssig sind, verschwinden sie auch wieder. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt aber noch ein großer Polizist, der, so eine Zeugin, seine Kollegen zur Hilfe ruft, weil er es wegen der “Passelaken” (oder so ähnlich) wohl für nötig hält. Dann versucht er, die “Passelaken” zu nötigen, jetzt doch mit den Müllsäcken umzuziehen. Das kann ich abbiegen. Wir einigen uns, auf den Umzug mangels Umzugsmaterials zu verzichten und zur verordneten Unterkunft zu fahren, um zu sehen, was man ihnen anbietet.

Die Lage ist gar nicht schlecht. Nabil freut sich auf seine Ruhe. Die Räume sind unfertig. Man beabsichtigt, die Fünf so unterzubringen, daß wenigstens einer in einem Durchgangsraum schlafen müßte. Es fehlt eine Tür. Die Küchenausstattung ist unzureichend. Herr Integration hat inzwischen keine Lust mehr auf Unlust und äußert das laut. Für ihn ist das schließlich nur unberechtigtes Rumhampeln. Meine Frage über das Wie und Warum seiner Gestapomethoden haben er und seine Vorgesetzte schlicht mit “Wir dürfen das!” und “Hausrecht” beantwortet. Man könne ja Widerspruch einlegen ... Das kam mir bekannt vor. Er drängt darauf, jetzt zurück in die Lehmkuhle zu fahren, um den Flüchtlingskram in Mülltüten zu stecken und umzuziehen.

Barbara und ich entscheiden, die Flüchtlinge in unsere Autos zu packen und abzuhauen. Zur Bürgermeisterin, aber die hat keine Zeit. So gehen wir Acht zur Frau Krollzig. Sie betont noch einmal, daß das Amt das dürfe, und man das intern ja noch mal abgesprochen habe. Es stellt sich raus, daß die Mülltüten, Raumverteilung und Zustand der zugewiesenen Räume offensichtlich nicht intern abgesprochen waren. Sie macht Zugeständnisse hinsichtlich Umzugskartons, eines zusätzlichen Zimmers und der fehlenden Tür. Wieder weisen wir darauf hin, daß diese Aktion jeder sozialen Abwägung entbehre, zumal sie sich auf der Grundlage falscher Verdächtigungen abspiele. Aber das scheint keine Rolle zu spielen, weil Herr A.´s Wort mehr zählt, als das der Zeugen und Nachbarn. “Interne” Ansichten gibt es nämlich nicht, weil sich niemand um die schlechten Flüchtlinge kümmert. Sie erhalten trotz Nachfrage keinen Deutschunterricht. Sind den Umständen und der fremden Macht völlig hilflos ausgeliefert. Jahrelanges Warten und Nichtstun hinterläßt Spuren. Die Stimmung ist so ähnlich wie auf einem Schiff, auf dem man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Hinzu kommen der Schlafmangel und abhandene Privatsphäre. Die psychologischen Auswirkungen sind zumindest außerhalb von Dülmen hinreichend bekannt. Aber das Amt für Integration interessiert sich offenbar nicht dafür. Hin und wieder kommt Hausmeister und pöbelt die Bösen an, verweigert ihnen die Kellerräume, schneidet Blumen weg, die sie liebevoll gezüchtet haben. In den Kellerräumen soll er Fahrräder horten, die er verkauft.

Verabredung um 14Uhr zum Umzug. Es sind uns immerhin 15 Umzugkartons versprochen. (Der Umzug wird aber bald abgebrochen, weil die Hausmeister keine Zeit mehr haben.) Es stellt sich raus, daß der Schlüssel zu dem zusätzlichen Zimmer fehlt; man wolle diesen am nächsten Tag nachreichen ... Obwohl klar ist, daß das Zimmer für Mehdi sein soll, überreicht Herr A. den Schlüssel abends an einen anderen, der den Raum natürlich sofort bezieht .... Bis auf einen schlafen dann alle wieder in der Lehmkuhle. Mehdi ist am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Freitag:

Der alte Serbe und Vadim aus der Lehmkuhle vermissen Mehdi, der immer hilfreich zur Seite stand, ohne ihn kann der alte Mann das Gewächshaus nicht mehr betreiben. Außerdem gewisse Ängste, daß sich jetzt Leute hochspielen, die hier eigentlich nicht wohnen dürfen, das aber rotzfrech tun.

Es wird umgezogen. Mehdi sitzt den ganzen Tag mit seiner Einrichtung vor der neuen Unterkunft, weil derjenige, der sein Zimmer in Besitz genommen hat, samt Schlüssel nicht auffindbar ist. Am Abend ist offen, ob dieser das Zimmer kampflos zurückgibt.

FAZIT:

Seit dem ich die Betreuung in der Lehmkuhle übernommen habe, nutze ich jede Gelegenheit, auf die Situation der Leute aufmerksam zu machen, darauf, daß die jungen Erwachsenen erst in Dülmen mit Trinken und Kiffen anfangen, darauf, wie wichtig es ist, bei der Beurteilung die speziellen kulturellen Hintergründe zu beachten, daß es sich um Menschen handelt, die ihr Leben vorher mehr oder weniger auf der Strasse verbracht haben (was nicht gleichzusetzen ist mit Obdachlos in Marokko, weil das in sonnigen Ländern normal ist). Sie sind es gewohnt, ihr Überleben zu improvisieren. Dabei haben sie nichts als ihr Wort und ihre Ehre. Diese Lebensart erfordert einen starken Glauben an sich selbst und ist davon abhängig, wie gut man sich “verkauft”. Deshalb sind sie auch wesentlich lebhafter, als Menschen, die sich im Streit gegenseitig Paragraphen um die Ohren hauen. Wenn beispielsweise ein Hausmeister, weil er sie nicht wirklich leiden kann, ihnen ständig Dinge vorwirft, die sie nicht verstehen, dann klären sie das. Außerdem: An wen sollten sie sich wenden? Daß der Hausmeister das als aggressiv einstuft ist zwar verständlich, aber dennoch unrichtig und schon mal gar nicht geeignet, als Vorwand für was auch immer herangezogen zu werden. Aber genau das ist hier passiert.

Seit ich aktiv bin, fordere ich Hausordnungen in den entsprechenden Sprachen, dazu die nötigen schriftlichen Aufklärungen und Einweisungen. Beschäftigung ... Nichts ist passiert. Diese Aktion hat ausserdem das gemeinsame Gartenprojekt zerstört, wofür nicht nur Zeit und Kraft, sondern auch eigenes Geld investiert wurde.

Am Schluß bleiben doch einige Fragen offen, die vor allem an die hier anwesenden Dülmener Politiker gerichtet sind.

Ist es den Dülmenern scheißegal, wie die von ihnen beauftragte Verwaltung Flüchtlinge einstuft und behandelt?

Ist es angemessen und richtig, derartige Maßnahmen von Menschen initiieren und durchführen zu lassen, die offensichtlich nicht dazu geeignet sind? Warum unternimmt das Amt für Integration mit soviel Aufwand eine derartige Strafexpedition gegen Unschuldige, wenn man die Umsiedlung auch ohne Vorwürfe ganz anders hätte gestalten können?

Ist das möglicherweise nur ein Traum?

PS: Samstag:

Der Zimmerstreit eskaliert. Es gibt kein Trinkwasser; das Wasser aus der Leitung ist gelb und stinkt nach Abwasser. Und wo ist jetzt Herr A? Ich kann ihn nicht erreichen ...


Referenzen

Orte:

Auch von Rainer Wermelt

Homepage: www.rainerwermelt.de
Kontakt: www.gaupel34.de
Flüchtlings-Info-Coesfeld: www.fi-coesfel.de
Weihnachtsmarkt Coesfeld: www.weihnachtsmarkt-coesfeld.de
Freifunk Coesfeld: www.freifunk-coesfeld.de
Blickpunkt Coesfeld - Magazin für den Kreis Coesfeld: www.blickpunkt-coesfeld.de
Borderline Selbsthilfegruppe Münsterland: www.borderline-coesfeld.de
EX-IN - Einbeziehung Erfahrener in die Psychiatrie: www.ex-in.net
Contributions To The European Heritage: www.european-heritage.org
Mopszüchterverein:  www.vrz-dhs-mops.de

Short URL: http://linkcode.de/27h

Hinweis zu Gastbeiträgen

Gastbeiträge geben die Meinung des Autors wieder. Sie müssen nicht zwingend mit der Meinung von mir, Rainer Wermelt, übereinstimmen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der Autor.

 


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